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Die Psychologie der Gewohnheiten: Warum gute bleiben und schlechte so schwer zu ändern sind

  • 24. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Jeden Tag treffen wir Tausende von Entscheidungen. Dennoch laufen viele unserer Handlungen nahezu automatisch ab. Zähneputzen, nach dem Aufstehen zum Handy greifen, sich anschnallen oder morgens einen Kaffee zubereiten erfordern kaum bewusstes Nachdenken. Dabei handelt es sich um Gewohnheiten – Verhaltensweisen, die durch häufige Wiederholung so fest verankert wurden, dass sie mit minimalem geistigem Aufwand ausgeführt werden.


A man refuses a package of cigarettes

Gewohnheiten können uns unterstützen oder uns im Weg stehen. Gesunde Routinen wie regelmäßige Bewegung oder ausgewogene Ernährung fördern unsere körperliche und psychische Gesundheit. Weniger hilfreiche Gewohnheiten wie Prokrastination oder stundenlanges Scrollen durch soziale Medien können dagegen selbst dann schwer zu verändern sein, wenn wir wissen, dass sie uns nicht guttun.


Die gute Nachricht lautet: Die Psychologie und Neurowissenschaften zeigen, wie Gewohnheiten entstehen und wie wir sie Schritt für Schritt brechen können.


Was ist eine Gewohnheit?


Eine Gewohnheit ist ein Verhalten, das durch einen bestimmten Auslöser automatisch aktiviert wird, weil es über längere Zeit immer wieder wiederholt wurde. Im Gegensatz zu bewussten Entscheidungen laufen Gewohnheiten weitgehend unbewusst ab.


Wenn wir ein neues Verhalten lernen, benötigt es zunächst Aufmerksamkeit und Konzentration. Mit der Zeit wird das Gehirn jedoch immer effizienter. Das Verhalten wandert von der bewussten Steuerung in den Bereich automatisierter Abläufe.


Diese Automatisierung ist ein großer Vorteil. Würden wir jede alltägliche Handlung bewusst planen müssen, wären wir schnell geistig erschöpft. Gewohnheiten entlasten unser Gehirn und schaffen Kapazität für neue oder komplexere Aufgaben.


Warum das Gehirn Gewohnheiten bildet

Aus evolutionärer Sicht helfen Gewohnheiten dabei, Energie zu sparen. Das Gehirn gehört zu den energieintensivsten Organen unseres Körpers. Indem häufig wiederholte Verhaltensweisen automatisiert werden, sinkt der mentale Aufwand im Alltag erheblich.


Die neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich bei der Gewohnheitsbildung die Aktivität schrittweise von Hirnregionen verschiebt, die für bewusstes Planen zuständig sind, hin zu den Basalganglien. Diese Hirnstrukturen spielen eine zentrale Rolle bei Routinen, Lernen und automatisierten Handlungen.


Deshalb führen wir viele Angewohnheiten aus, ohne bewusst darüber nachzudenken.


Die Gewohnheitsschleife


Eines der bekanntesten Modelle der Gewohnheitsbildung ist die sogenannte Gewohnheitsschleife (Habit Loop), die auf Erkenntnissen der Verhaltenspsychologie basiert und später durch Charles Duhigg bekannt wurde. Sie besteht aus drei Elementen.


Der Auslöser (Cue)


Am Anfang jeder Gewohnheit steht ein Reiz oder Auslöser, der das Verhalten in Gang setzt. Typische Auslöser sind:


  • eine bestimmte Tageszeit

  • ein bestimmter Ort

  • ein emotionaler Zustand

  • eine andere Person

  • eine vorhergehende Handlung


So kann das Betreten der Küche automatisch den Wunsch nach Kaffee auslösen oder Stress dazu führen, dass man zu Süßigkeiten greift.


Die Routine


Die Routine ist das eigentliche Verhalten. Sie kann körperlich sein, etwa eine Runde spazieren zu gehen, oder gedanklich, zum Beispiel sich immer wieder Sorgen über ein bevorstehendes Gespräch zu machen.


Die Belohnung


Am Ende steht die Belohnung.


Dabei muss es sich nicht zwingend um etwas Angenehmes handeln. Entscheidend ist, dass ein Bedürfnis erfüllt oder ein unangenehmer Zustand reduziert wird. Zum Beispiel:


  • Kaffee vertreibt Müdigkeit.

  • Bewegung vermittelt ein Gefühl von Erfolg.

  • Das Smartphone zu überprüfen stillt Neugier oder Langeweile.

  • Prokrastination reduziert kurzfristig den Stress vor einer unangenehmen Aufgabe.


Mit der Zeit verknüpft das Gehirn den Auslöser automatisch mit der Belohnung. Dadurch wird die Gewohnheit immer stärker.


Warum schlechte Gewohnheiten so schwer zu durchbrechen sind


Viele Menschen glauben, schlechte Gewohnheiten ließen sich allein mit genügend Willenskraft überwinden. Tatsächlich sind Gewohnheiten jedoch tief in den neuronalen Netzwerken des Gehirns verankert.


Interessanterweise werden alte Gewohnheiten nicht einfach gelöscht. Stattdessen entstehen neue Gewohnheiten, die mit den alten konkurrieren.


Das erklärt auch, warum Menschen in stressigen Situationen häufig in frühere Verhaltensmuster zurückfallen, obwohl sie über Monate hinweg Fortschritte gemacht haben.


Hinzu kommt, dass wenig hilfreiche Angewohnheiten meist sofort belohnen, während die Vorteile guter Gewohnheiten oft erst später sichtbar werden.


Zum Beispiel:

  • Süßigkeiten liefern sofort Genuss.

  • Das Aufschieben unangenehmer Aufgaben verschafft kurzfristig Erleichterung.

  • Soziale Medien bieten unmittelbare Unterhaltung.


Demgegenüber zeigen sich die Vorteile gesunder Gewohnheiten häufig erst mit der Zeit:

  • Regelmäßige Bewegung verbessert die Gesundheit langfristig.

  • Sparen zahlt sich oft erst Monate oder Jahre später aus.

  • Das Erlernen einer Sprache erfordert Geduld, bevor deutliche Fortschritte sichtbar werden.


Unser Gehirn bevorzugt ganz natürlich unmittelbare Belohnungen gegenüber langfristigen Vorteilen.


Die Bedeutung der Umgebung


Gewohnheiten sind eng mit unserer Umgebung verknüpft.


Oft glauben wir, Motivation sei der wichtigste Faktor für Verhaltensänderungen. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass unsere Umwelt einen erheblichen Einfluss auf unser Verhalten hat.


Wer sich gesünder ernähren möchte, trifft bessere Entscheidungen, wenn Obst sichtbar auf dem Tisch liegt und Süßes außer Sichtweite aufbewahrt werden.


Ebenso sinkt die Versuchung, ständig aufs Handy zu blicken, wenn es während der Arbeit in einem anderen Raum liegt.


Häufig ist es einfacher, die Umgebung zu verändern als ständig gegen Versuchungen anzukämpfen.


Wie lange dauert es, eine Gewohnheit aufzubauen?


Ein weit verbreiteter Mythos besagt, dass eine neue Gewohnheit nach genau 21 Tagen entsteht. Dafür gibt es jedoch keine wissenschaftliche Grundlage.


Eine bekannte Studie von Phillippa Lally und ihrem Forschungsteam zeigte, dass die Dauer stark vom Verhalten und von der jeweiligen Person abhängt. Im Durchschnitt dauerte es etwa 66 Tage, bis ein Verhalten weitgehend automatisch wurde. Die Spannweite reichte jedoch von 18 bis 254 Tagen.


Entscheidend ist daher nicht die Geschwindigkeit, sondern die Regelmäßigkeit. Ein einzelner ausgelassener Tag macht den bisherigen Fortschritt nicht zunichte. Wichtig ist, das Verhalten immer wieder zu wiederholen.


Wissenschaftlich fundierte Strategien für bessere Gewohnheiten


Die psychologische Forschung zeigt verschiedene Strategien, mit denen sich neue Gewohnheiten erfolgreicher etablieren lassen.


Klein anfangen: Viele Menschen scheitern, weil sie sich zu viel auf einmal vornehmen.

Kleine Veränderungen lassen sich leichter dauerhaft umsetzen als radikale Vorsätze.

Statt sich vorzunehmen, täglich eine Stunde Sport zu treiben, kann bereits ein zehnminütiger Spaziergang ein guter Anfang sein.

Erfolge schaffen Motivation für den nächsten Schritt.


Das gewünschte Verhalten möglichst einfach machen: Nach dem Modell des Verhaltensforschers B. J. Fogg entstehen Gewohnheiten leichter, wenn sie möglichst wenig Aufwand erfordern. Lege deine Sportsachen bereits am Vorabend bereit. Platziere ein Buch auf deinemKopfkissen, wenn du abends mehr lesen möchtest. Je weniger Hindernisse bestehen, desto wahrscheinlicher wird das Verhalten.


Neue Gewohnheiten mit bestehenden verbinden: Eine bewährte Methode ist das sogenannte Habit Stacking. Dabei wird eine neue Gewohnheit direkt an eine bereits bestehende gekoppelt.


Zum Beispiel:


  • Nachdem ich mir die Zähne geputzt habe, meditiere ich zwei Minuten.

  • Nachdem ich meinen Kaffee gemacht habe, schreibe ich meine drei wichtigsten Aufgaben für den Tag auf.

  • Nach dem Abendessen gehe ich zehn Minuten spazieren.


Bereits etablierte Routinen dienen dabei als zuverlässiger Auslöser.


Auf Wiederholung statt Motivation setzen: Motivation schwankt von Tag zu Tag. Gewohnheiten entstehen nicht dadurch, dass wir uns ständig motiviert fühlen, sondern durch regelmäßige Wiederholung. Selbst an Tagen mit wenig Energie hilft es, das gewünschte Verhalten zumindest in einer kleinen Version auszuführen. So wird die zugrunde liegende Gewohnheit weiter gestärkt.


Rückschläge einplanen: Der Aufbau neuer Gewohnheiten verläuft selten geradlinig. Ein ausgelassenes Training oder ein Tag mit ungesundem Essen bedeuten nicht, dass alle bisherigen Fortschritte verloren sind. Studien zeigen sogar, dass Selbstmitgefühl nach Rückschlägen hilfreicher ist als Selbstkritik, weil Menschen dadurch eher zu ihren neuen Gewohnheiten zurückfinden.


Gewohnheiten und psychische Gesundheit


Gewohnheiten spielen auch für unsere psychische Gesundheit eine entscheidende Rolle. Regelmäßiger Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte, Entspannungsübungen oder Achtsamkeit können mit der Zeit zu automatischen Routinen werden, die unsere emotionale Widerstandskraft stärken.


Umgekehrt können auch Grübeln, Vermeidungsverhalten, ständiges Rückversichern oder zwanghaftes Kontrollieren zu Gewohnheiten werden, die Stress und Ängste verstärken.


Deshalb setzen psychologische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) häufig genau hier an. Durch das wiederholte Einüben neuer Denk- und Verhaltensweisen entstehen nach und nach hilfreichere Gewohnheiten.


Fazit


Gewohnheiten sind weit mehr als eine Frage der Disziplin oder Willenskraft. Sie entstehen durch das Zusammenspiel unseres Gehirns, unserer Umgebung und wiederholter Verhaltensweisen.


Die ermutigende Erkenntnis lautet: Gewohnheiten sind veränderbar. Auch wenn alte Muster oft bestehen bleiben, können neue Routinen aufgebaut werden, die mit der Zeit immer stärker werden.


Nicht einzelne große Veränderungen machen den Unterschied, sondern viele kleine Handlungen, die konsequent wiederholt werden. Wer versteht, wie Gewohnheiten funktionieren, muss sich weniger auf Motivation verlassen und kann den Alltag so gestalten, dass gesundes Verhalten zur Selbstverständlichkeit wird.


Referenzen


Duhigg, C. (2012). The Power of Habit: Why We Do What We Do in Life and Business. Random House.

Fogg, B. J. (2019). Tiny Habits: The Small Changes That Change Everything. Houghton Mifflin Harcourt.

Gardner, B. (2015). A review and analysis of the use of 'habit' in understanding, predicting and influencing health-related behaviour. Health Psychology Review, 9(3), 277–295. https://doi.org/10.1080/17437199.2013.876238

Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009. https://doi.org/10.1002/ejsp.674

Wood, W., & Neal, D. T. (2007). A new look at habits and the habit-goal interface. Psychological Review, 114(4), 843–863. https://doi.org/10.1037/0033-295X.114.4.843

Wood, W., & Rünger, D. (2016). Psychology of habit. Annual Review of Psychology, 67, 289–314. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-122414-033417

 
 
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