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Warum dein Gehirn Unsicherheit nicht mag

vor 2 Stunden
6 Min. Lesezeit

Unsicherheit gehört zum Leben. Wir wissen nicht immer, wie sich eine Situation entwickeln wird, was andere Menschen denken oder wie eine wichtige Entscheidung ausgehen wird.


Trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, mit Ungewissheit umzugehen. Sie beginnen zu grübeln, suchen ständig nach Informationen, kontrollieren Dinge wiederholt oder brauchen die Bestätigung anderer, um sich sicherer zu fühlen. Aber warum fühlt sich Unsicherheit eigentlich so unangenehm an?


Ein Mann sitzt auf einem Fragezeichen

Dein Gehirn möchte wissen, was als Nächstes passiert


Unser Gehirn versucht ständig, die Welt um uns herum zu verstehen und vorherzusagen. Erfahrungen aus der Vergangenheit helfen uns dabei, Erwartungen darüber zu entwickeln, was wahrscheinlich als Nächstes passieren wird.


Das ist grundsätzlich hilfreich. Wenn du beispielsweise weisst, dass du morgens zur Arbeit fahren musst, musst du nicht jedes Mal neu überlegen, wie du dorthin kommst. Dein Gehirn kann auf frühere Erfahrungen zurückgreifen und viele Entscheidungen automatisch treffen.

Unsicherheit macht diesen Prozess schwieriger.


Wenn du nicht weisst, was passieren wird, kann dein Gehirn weniger gut vorhersagen, was als Nächstes kommt. Das kann sich unangenehm oder sogar bedrohlich anfühlen, obwohl objektiv noch gar keine Gefahr besteht.


Unsicherheit kann das Gefühl von Kontrolle verringern


Ein weiterer Grund, warum Unsicherheit so schwierig sein kann, ist das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.


Wenn wir etwas kontrollieren können, fühlen wir uns häufig sicherer. Wir können planen, Informationen sammeln, Entscheidungen treffen oder versuchen, ein bestimmtes Ergebnis zu beeinflussen.


Bei Unsicherheit funktioniert das nicht immer. Vielleicht wartest du auf eine Antwort von jemandem und kannst nichts weiter tun. Vielleicht hast du eine wichtige Entscheidung getroffen und musst nun abwarten. Oder du machst dir Sorgen über etwas, das möglicherweise passieren könnte.


In solchen Situationen versucht unser Gehirn manchmal, die fehlende Kontrolle zurückzugewinnen. Wir überprüfen unser Handy immer wieder. Wir suchen im Internet nach weiteren Informationen. Wir fragen andere Menschen nach ihrer Meinung. Wir gehen dieselbe Situation immer wieder im Kopf durch.


Das kann kurzfristig beruhigen. Langfristig kann es jedoch dazu führen, dass wir noch stärker das Gefühl entwickeln, Sicherheit zu brauchen.


Wenn Beruhigung zum Teufelskreis wird


Stell dir vor, du machst dir Sorgen über eine bestimmte Situation. Du fragst eine andere Person: „Glaubst du wirklich, dass alles gut gehen wird?“ Die Antwort beruhigt dich zunächst. Für einige Minuten oder vielleicht sogar Stunden fühlst du dich besser.

Dann kommt der Zweifel zurück.


Du stellst dieselbe Frage erneut, suchst online nach Informationen oder versuchst, die Situation noch einmal zu analysieren.


Dieses Verhalten kann kurzfristig Erleichterung bringen. Gleichzeitig kann dein Gehirn dabei lernen: „Wenn ich mich unsicher fühle, muss ich etwas tun, um diese Unsicherheit loszuwerden.“


So kann ein Kreislauf entstehen. Je mehr wir versuchen, Unsicherheit vollständig zu beseitigen, desto schwieriger kann es werden, sie auszuhalten.


Das Problem mit Worst-Case-Szenarien


Unsicherheit führt häufig dazu, dass wir mögliche negative Szenarien durchspielen. „Was, wenn etwas schiefgeht?“ „Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe?“ „Was, wenn die andere Person enttäuscht ist?“ „Was, wenn genau das passiert, wovor ich Angst habe?“


Das Problem ist nicht, dass diese Gedanken grundsätzlich irrational sind. Viele der Dinge, über die wir uns Sorgen machen, sind tatsächlich möglich. Aber möglich bedeutet nicht wahrscheinlich.


Unser Gehirn kann diese beiden Dinge leicht miteinander vermischen. Wenn wir uns eine negative Möglichkeit sehr lebhaft vorstellen, kann sie sich plötzlich viel wahrscheinlicher anfühlen, als sie tatsächlich ist.


Deshalb lohnt es sich, zwischen einer Möglichkeit und einer Wahrscheinlichkeit zu unterscheiden.


Was bedeutet Intoleranz gegenüber Unsicherheit?


In der Psychologie wird der Begriff Intoleranz gegenüber Unsicherheit verwendet, um zu beschreiben, wie schwer es einer Person fällt, ungewisse Situationen auszuhalten.


Menschen mit einer hohen Intoleranz gegenüber Unsicherheit erleben unklare Situationen häufig als besonders belastend. Sie versuchen möglicherweise stärker, Vorhersagbarkeit und Sicherheit herzustellen. Das kann sich beispielsweise durch ständiges Nachdenken, Kontrollieren, Vermeiden oder das Suchen nach Rückversicherung zeigen.


Unsicherheit selbst ist dabei nicht unbedingt das Problem. Entscheidend ist vielmehr, wie wir auf sie reagieren.


Grübeln ist nicht dasselbe wie Problemlösen


Wenn wir uns Sorgen machen, kann es sich so anfühlen, als würden wir aktiv versuchen, eine Lösung zu finden. Aber nicht jedes Nachdenken führt zu einer Lösung.


Problemlösen bedeutet, dass du eine konkrete Situation analysierst und mögliche Schritte entwickelst. Grübeln bedeutet dagegen häufig, dass du immer wieder dieselben Fragen durchgehst, ohne zu einer Entscheidung oder Handlung zu kommen.


Zum Beispiel: „Was könnte passieren?“ „Warum habe ich das gesagt?“ „Was hätte ich anders machen sollen?“ „Was, wenn ich etwas übersehen habe?“ „Was, wenn es doch schiefgeht?“ Wenn sich deine Gedanken ständig im Kreis drehen, entsteht dadurch nicht unbedingt mehr Sicherheit. Oft entsteht lediglich mehr Anspannung.


Eine hilfreiche Frage kann deshalb sein: „Versuche ich gerade, ein Problem zu lösen, oder versuche ich, ein unangenehmes Gefühl loszuwerden?“


Du brauchst nicht immer mehr Rückversicherung


Wenn wir uns unsicher fühlen, suchen wir häufig die Meinung anderer Menschen. „Was würdest du tun?“ „Denkst du, dass alles gut wird?“ „Glaubst du, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe?“


Natürlich kann es sinnvoll sein, andere Menschen um Rat zu fragen. Das Problem entsteht eher dann, wenn wir immer wieder Rückversicherung brauchen, um uns kurzfristig besser zu fühlen.


Denn keine Antwort kann absolute Sicherheit garantieren. Selbst wenn dir jemand zehnmal sagt, dass wahrscheinlich alles gut gehen wird, kann dein Gehirn irgendwann die nächste Frage stellen: „Aber was, wenn doch etwas passiert?“


Der Versuch, jede Unsicherheit durch Rückversicherung zu beseitigen, kann dadurch selbst Teil des Problems werden.


Unsicherheit ist nicht dasselbe wie Gefahr


Das ist vielleicht eine der wichtigsten Unterscheidungen. Unsicherheit bedeutet, dass du nicht weisst, was passieren wird. Gefahr bedeutet, dass eine tatsächliche Bedrohung besteht. Diese beiden Dinge sind nicht dasselbe.


Du kannst dich unsicher fühlen, ohne dass du in Gefahr bist. Ein Bewerbungsgespräch ist unsicher. Eine neue Beziehung ist unsicher. Eine wichtige Entscheidung ist unsicher. Auf eine Antwort zu warten ist unsicher.


Aber Unsicherheit allein bedeutet nicht, dass etwas Schlimmes passieren wird. Manchmal reagiert unser Nervensystem auf Ungewissheit, als müsste sofort etwas gelöst oder verhindert werden. Zu lernen, diese Reaktion wahrzunehmen, ohne automatisch darauf zu reagieren, kann deshalb sehr hilfreich sein.


Du musst nicht wissen, wie alles ausgeht


Eine der wichtigsten Fähigkeiten im Umgang mit Unsicherheit besteht darin, nicht immer eine Antwort zu brauchen. Das bedeutet nicht, dass du keine Pläne machen oder Risiken abwägen solltest. Es bedeutet vielmehr, dass du akzeptierst, dass manche Dinge offenbleiben.


Du kannst eine Entscheidung treffen, obwohl du nicht wei-t, wie sie ausgehen wird. Du kannst ein Gespräch führen, obwohl du nicht kontrollieren kannst, wie die andere Person reagieren wird. Du kannst einen neuen Weg einschlagen, obwohl du nicht genau weisst, was dich erwartet. Du brauchst nicht immer Gewissheit, um handeln zu können.


Wie du lernen kannst, Unsicherheit besser auszuhalten


Du musst nicht versuchen, Unsicherheit vollständig aus deinem Leben zu entfernen. Das wäre ohnehin unmöglich. Stattdessen kannst du lernen, anders mit ihr umzugehen.


  1. Erkenne dein Bedürfnis nach Sicherheit: Achte darauf, wann du versuchst, Unsicherheit sofort zu beseitigen. Vielleicht kontrollierst du etwas wiederholt, suchst ständig nach Informationen oder fragst andere Menschen immer wieder nach ihrer Meinung. Schon das Erkennen dieses Musters kann ein wichtiger erster Schritt sein.

  2. Trenne Fakten von Vorhersagen: Frage dich: Was weiß ich tatsächlich? Und: Was nehme ich nur an oder befürchte ich? Diese Unterscheidung kann helfen, Gedanken wieder stärker von Fakten zu trennen.

  3. Begrenze deine Informationssuche: Mehr Informationen führen nicht automatisch zu mehr Sicherheit. Wenn du bemerkst, dass du dieselbe Frage immer wieder googelst oder immer neue Meinungen einholst, kann es sinnvoll sein, bewusst eine Grenze zu setzen. Manchmal ist „genug Information“ tatsächlich genug.

  4. Übe kleine Dosen von Unsicherheit: Du musst nicht sofort lernen, grosse Unsicherheiten vollkommen gelassen auszuhalten. Beginne mit kleinen Situationen. Vielleicht überprüfst du eine Nachricht nicht sofort. Vielleicht lässt du eine kleine Entscheidung bewusst offen, ohne sie zehnmal zu analysieren. Oder du widerstehst dem Impuls, sofort nach einer Rückversicherung zu fragen. Mit der Zeit kannst du erfahren: Ich kann Unsicherheit fühlen, ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen.


Hör auf, alles kontrollieren zu wollen


Kontrolle kann hilfreich sein. Sie ermöglicht uns, Entscheidungen zu treffen, Probleme zu lösen und unser Leben zu gestalten. Aber Kontrolle hat Grenzen. Du kannst deine eigenen Handlungen beeinflussen. Du kannst dich vorbereiten. Du kannst Entscheidungen treffen.


Du kannst jedoch nicht vollständig kontrollieren, was andere Menschen tun, wie sich bestimmte Situationen entwickeln oder was in der Zukunft passiert. Der Versuch, diese Dinge vollständig zu kontrollieren, kann deshalb sehr anstrengend werden.


Manchmal besteht psychische Stärke nicht darin, mehr Kontrolle zu gewinnen, sondern darin, zu akzeptieren, wo Kontrolle endet.


Fazit: Du musst nicht wissen, was passieren wird


Unsicherheit kann unangenehm sein, weil unser Gehirn Vorhersagbarkeit und Sicherheit bevorzugt. Wenn wir unsicher sind, beginnen wir deshalb manchmal zu grübeln, zu kontrollieren, Informationen zu suchen oder Rückversicherung zu brauchen.


Diese Strategien können kurzfristig helfen, langfristig aber dazu führen, dass wir Unsicherheit noch schwerer aushalten. Der Schlüssel ist nicht, jede Unsicherheit aus dem Leben zu entfernen. Das ist unmöglich. Es geht vielmehr darum, Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu entwickeln, mit dem Unbekannten umzugehen.

   

 
 
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